Bereits vor Jahren stellte die Autorin Ana Grujic in der „Zeit“ die Forderung auf, dass das Wort „Begeisterungsfähigkeit“ nichts in Stellenanzeigen verloren habe und ergo auch nicht wirklich am Arbeitsplatz. Ist das so? Wird denn in der modernen Arbeitswelt nicht immer noch die Erwartung formuliert, man müsse für seinen Job „brennen“ und jeden Tag mit Begeisterung zur Arbeit gehen? Nun ja, ein gewisses Maß Freude an dem, was man tut, sollte man schon mitbringen – ohne jedoch ständigen Enthusiasmus ausstrahlen zu müssen.
Begeisterung ist ein emotionaler Zustand, der naturgemäß schwankt. Wer von sich selbst erwartet, ständig motiviert und leidenschaftlich zu sein, gerät schnell unter inneren Druck. Es entstehen Schuldgefühle oder der Eindruck, man sei im falschen Beruf, Fehler häufen sich, und die anfängliche Leidenschaft schlägt in Überforderung um. Was zu Frustration, Unzufriedenheit und im schlimmsten Fall sogar zur inneren Kündigung führen kann. Zudem kann anhaltende Begeisterung auch als ein Übermaß an Optimismus ausgelegt werden, gar als Naivität, was schon mal den Blick auf die Realität verstellen kann.
Zu viel Euphorie führt zu Überschätzung und vorschnellen Entscheidungen
Wie wäre es denn in einem Unternehmen, wenn alle Vorschläge und Ideen – selbst wenn sie mit noch viel Enthusiasmus und Identifikation mit der Sache entstanden sind – immer gleich ungefiltert den Weg in die Umsetzung fänden? So unrealistisch wie die Vorstellung, dass schon die eigene Begeisterungsfähigkeit den Weg dafür ebnen wird.
Ideen und ihre noch so engagierten Schöpfer werden nun einmal erst dann als gut befunden, wenn sie Skepsis ertragen, grundsätzliches Diskussionspotential vorweisen und im Zweifel auch Meetingmarathons überstehen können. Es gibt leider auch die immer wieder bremsenden Vorbehalte von Kollegen und Vorgesetzten, sowie hierarchische und bürokratische Hürden, welche die Anfangsbegeisterung jeder Idee schnell zerreiben kann. Doch genau mit dieser Realität ist umzugehen.
Objektivität steht im Vordergrund
Genau das ist es, was ein intaktes Arbeitsumfeld braucht, nicht die Verbreitung permanenter Hochgefühle. Vorschläge wie Entscheidungen müssen natürlich von allen Beteiligten durchdacht und hinterfragt werden, was von ihrem Input „Begeisterten“ keineswegs als demotivierend oder destruktiv anzusehen ist. Denn Begeisterung ist nicht gleichzusetzen mit echter Motivation, die uns letztlich dazu bringt, Aufgaben ernst zu nehmen und gut zu machen.
Eine eher nüchterne professionelle Haltung lässt uns gelassener mit der eigenen Leistungsbewertung und möglichen Zurückweisungen umgehen, wie auch mit weniger Begeisterung auslösenden Routinen und eher ungeliebten Aufgaben. Und führt zu dauerhaft stabileren Leistungen, die dann schon auch einmal begeisternd sein können.