Sei doch einfach authentisch?

Dieser Rat wird oft und gern gegeben, doch hilft er vor allem im Berufsleben wirklich weiter? Nein: „Sei bloß nicht du selbst“, meint der Wirtschaftspsychologe Tomas Chamorro-Premuzic im SZ-Magazin. Der Professor für Business Psychology an der Columbia University New York und am University College London argumentiert in seinem Buch „Don’t be Yourself“ heftig dagegen, in dem er unter anderem Muster-Antworten fürs Bewerbungsgespräch liefert.

Er ist sogar der Auffassung, dass wir derzeit Opfer eines Authentizitätskults sind und dass es sowohl im Job wie im Privatleben manchmal durchaus besser sein kann, sich zu verstellen. Denn im menschlichen Miteinander kann es eben nicht immer darum gehen, völlig authentisch zu sein. Wobei es keine klare Definition darüber gibt, was Authentizität ist. Umschreibungen wie „du selbst sein“ oder „mit Gefühlen nicht hinterm Berg halten“ und „immer sagen, was man denkt“, treffen das Thema nur sehr ungenau.

Das Gegenteil von Authentizität könnte sein, sich zu verstellen bis zur Selbstaufgabe, die totale Anpassung an die Erwartungshaltungen anderer. Doch gleichen wir dann nicht eher Schauspielern, die sich einfach in verschiedenste Rollen einfinden, um zu gefallen – also eine „gespielte“ Authentizität liefern?

Authentizität ist Echtheit – mit kritischer Distanz zu sich selbst

Das Gegenteil von positiv erlebter Authentizität ist der Fall, wenn sie narzisstische Züge trägt. Der Wirtschaftspsychologe spricht dazu eine klare Warnung aus: „Das Authentizitätsnarrativ war vielleicht einmal als gutgemeinter Ratschlag für Ehrlichkeit gemeint, mittlerweile scheint es aber auch eine Entschuldigung für Rücksichtslosigkeit und Egoismus zu sein.“ Authentizität kommt letztlich nicht aus ohne Empathie. Die braucht es allerdings schon, um ein Gespür für die jeweilige Situation zu bekommen, in der man sich befindet und ein Gefühl zu entwickeln für die Erwartungen des Gegenübers oder einer Gruppe.

Wer in der Lage ist, das eigene Verhalten danach auszurichten, was allgemein konsensfähig ist, wird meistens auf der sicheren Seite sein. Sich bei einer privaten Party im vertrauten Umfeld sehr ausgelassen zu geben, dürfte auf breite Akzeptanz stoßen. Ob dasselbe Auftreten bei einer Betriebsfeier ebenfalls gut ankommt, sollte schon gut überlegt sein. Und es nicht dasselbe, wenn man zu Hause über die „blöden Politiker“ schimpft, oder im Büro vor Kollegen und Vorgesetzten. Da kann dann Authentizität schnell als intolerabel erlebt werden. Wir alle kennen „authentische“ Charaktere, die einfach „ihr Ding machen“, was nicht unbedingt überall auf Sympathie stößt und eher ausgrenzend wirkt.

Ein realistisches Selbstbild als Basis für authentisches Auftreten

„Wer keine Distanz zwischen seinem Ich und seiner Rolle im Job pflegt, der wird sich selbst und anderen das Leben schwer machen“, meint Chamorro-Premuzic. „Vermutlich ist es sogar viel gesünder, einen gewissen Abstand zwischen dem persönlichen und beruflichen Ich zu pflegen.“ Und der Wirtschaftspsychologe rät vor allem dazu: „Wir brauchen das Verständnis, dass wir im Leben ganz unterschiedliche Rollen übernehmen, als Partner, als Freund, als Angestellter, als Mitglied der Fußballmannschaft.

In jedem dieser Bereiche sind andere Qualitäten gefordert. Wir sind also ganz verschiedene Persönlichkeiten und sollten nicht glauben, dass wir diese Persönlichkeiten zu einem authentischen Ich verschmelzen müssen.“ Also spricht er damit doch wieder der Assimilation und dem Schauspielern das Wort?

Gerade Führungskräfte sehen sich hier mit besonderen Herausforderungen konfrontiert. In der Führungskräfteentwicklung lernen Sie, unterschiedliche Rollen bewusst zu gestalten und souverän auszufüllen.

Einerseits ist es für ein authentisches Auftreten sicher wichtig, seine Vorstellungen und Werte zu leben, doch ohne sich zu sehr mit ihnen zu identifizieren und sie ständig zu präsentieren. Das führt oft zu einem allzu selbstsicheren und manchmal auch aggressiv empfundenen Auftreten, das Takt und Rücksichtnahme vermissen lässt. Am Ende geht es darum, Authentizität als Kontrolle über sich selbst zu verstehen und auch zu vermitteln. Wer eine gewisse Berechenbarkeit in seinem Handeln ausstrahlt, wird als aufrichtig und vertrauensvoll erlebt. Und dann kann Authentizität sogar als Charisma empfunden werden.

Businessfrau lacht und wirkt authentisch.