Wie finde ich einen professionellen Coach? Woran man echte Qualität erkennt

Blog September

Wie finde ich einen professionellen Coach? Woran man echte Qualität erkennt

Coaching ist Vertrauenssache. Und genau deshalb lohnt es sich, bei der Auswahl genauer hinzuschauen.

Der Begriff „Coach“ ist bekanntlich schnell auf eine Visitenkarte geschrieben. Die Bandbreite reicht von hervorragend ausgebildeten und sehr erfahrenen Persönlichkeiten bis hin zu Menschen, die nach einem Online-Seminar andere durch berufliche oder persönliche Krisen begleiten möchten.

Für Klientinnen und Klienten ist dieser Unterschied im ersten Gespräch häufig schwer zu erkennen.

Dabei kann gutes Coaching unglaublich viel bewirken: Klarheit schaffen, neue Perspektiven eröffnen, Verhaltensmuster sichtbar machen, Entscheidungen erleichtern und Führungspersönlichkeiten in ihrer Entwicklung unterstützen.

Schlecht gemachtes Coaching kann dagegen Verunsicherung verstärken, Grenzen überschreiten oder Menschen mit vermeintlich einfachen Antworten auf komplexe Fragestellungen zurücklassen.

Genau diese Qualitätsunterschiede sind übrigens einer der Gründe, weshalb ich inzwischen selbst Coaches ausbilde.  Ich möchte Menschen befähigen, dieses anspruchsvolle Handwerk professionell auszuüben. Denn guter Wille allein reicht für verantwortungsvolle Begleitung aus meiner Sicht kaum aus. Es braucht fundiertes Wissen, Methodenkompetenz, Erfahrung und vor allem eine sehr reflektierte Haltung.

Eine Erfahrung, die ich selbst nie vergessen habe

Als ich noch im Management tätig war, hatte ich selbst einen Coach.

In einer Sitzung wurde es emotionaler. Mein Coach legte seine Hand auf meine und tätschelte sie beruhigend. Ich empfand das als unangenehm und sagte ihm das auch. Für mich war damit eigentlich alles geklärt. In der nächsten Sitzung geschah genau dasselbe wieder.Danach suchte ich mir einen anderen Coach.

Diese Erfahrung hat meinen Blick auf Coaching geprägt. Nähe, Empathie und Vertrauen gehören für mich zu einer guten Coaching-Beziehung. Gleichzeitig braucht es ein ausgesprochen feines Gespür für persönliche Grenzen. Ein professioneller Coach hört auch auf das, was sein Gegenüber über seine Bedürfnisse und Grenzen sagt – und richtet sein Verhalten danach aus.

Gerade wenn Menschen sich öffnen, entsteht eine besondere Verantwortung.

Woran erkenne ich einen guten Coach?

1. Er oder sie kann erklären, was Coaching leisten kann

Ein guter Coach verkauft keine Wunderheilung.

Er kann klar beschreiben, wie Coaching funktioniert, welche Rolle er übernimmt und welche Verantwortung beim Coachee bleibt.

Coaching ist für mich Hilfe zur Selbstklärung. Der Coach liefert selten die fertige Antwort. Vielmehr unterstützt er dabei, bessere Fragen zu stellen, Zusammenhänge zu erkennen und eigene tragfähige Entscheidungen zu entwickeln.

Wer bereits nach wenigen Minuten genau weiß, was Sie tun sollten, arbeitet möglicherweise eher als Ratgeber denn als Coach.

Beides kann sinnvoll sein. Entscheidend ist Transparenz darüber, welche Rolle gerade eingenommen wird.

2. Er verfügt über eine fundierte Ausbildung

Ich würde immer fragen:

Wo haben Sie Ihre Coachingausbildung gemacht?
Wie umfangreich war diese Ausbildung?
Welche Methoden haben Sie gelernt?
Wie halten Sie Ihr Wissen aktuell?
Nutzen Sie Supervision oder kollegiale Reflexion?

Eine seriöse Coachingausbildung vermittelt weit mehr als Fragetechniken.

Dazu gehören beispielsweise Gesprächsführung, Psychologie, systemisches Denken, Veränderungsprozesse, Rollenklärung, Konfliktdynamiken, Selbstreflexion und der professionelle Umgang mit Grenzen.

Auch die Fähigkeit zu erkennen, wann Coaching an seine Grenze kommt, gehört für mich zwingend dazu.

3. Der Coach versteht die Lebens- und Arbeitsrealität

Gerade bei Führungskräften und Unternehmerinnen und Unternehmern halte ich Kontextverständnis für enorm wichtig.

Ein Geschäftsführer bewegt sich in anderen Spannungsfeldern als eine Nachwuchsführungskraft. Eine Unternehmerin trägt andere Risiken als eine Angestellte. Ein Mitglied der Geschäftsleitung kann eine Entscheidung häufig weder ausschließlich nach persönlichen Bedürfnissen noch allein nach wirtschaftlichen Kennzahlen treffen.

Organisation, Macht, Verantwortung, Unternehmenskultur, wirtschaftliche Zusammenhänge und unterschiedliche Interessen wirken gleichzeitig.

Deshalb ist meine eigene Managementerfahrung bis heute ein wichtiger Bestandteil meiner Coachingarbeit. Ich kenne viele Situationen auch von der anderen Seite des Tisches: Reorganisationen, schwierige Personalentscheidungen, Konflikte auf Geschäftsleitungsebene, hohe Ergebnisverantwortung und Entscheidungen unter Unsicherheit.

Ein Coach muss Ihren Beruf keineswegs selbst ausgeübt haben. Er sollte jedoch die Komplexität Ihres Umfeldes erfassen können.

4. Ein professioneller Coach stellt auch unbequeme Fragen

Ein gutes Coaching fühlt sich manchmal angenehm an.

Und manchmal überhaupt nicht.

Denn Entwicklung entsteht häufig dort, wo wir beginnen, unsere eigenen Muster zu erkennen.

Ein professioneller Coach bestätigt deshalb keineswegs automatisch die Sichtweise seines Gegenübers. Er darf widersprechen. Er darf Hypothesen anbieten. Er darf einen Perspektivwechsel provozieren.

Entscheidend ist die Haltung dahinter.

Es geht um Erkenntnis, niemals um Rechthaben.

Ich sehe meine Aufgabe häufig darin, meinen Coachees einen Spiegel vorzuhalten. Wertschätzend, klar und gelegentlich durchaus unbequem.

5. Der Coach macht sich möglichst wenig wichtig

Ein Satz lässt mich bei Coachings immer aufmerksam werden:

„Ich weiß genau, was Sie jetzt brauchen.“

Vielleicht stimmt es sogar. Professioneller finde ich trotzdem eine andere Haltung: neugierig bleiben, prüfen, fragen und gemeinsam Zusammenhänge verstehen.

Ein guter Coach präsentiert sich meiner Erfahrung nach selten als Guru.

Er braucht weder Bewunderung noch Abhängigkeit. Im Gegenteil: Das Ziel einer guten Begleitung ist immer, dass der Coachee zunehmend selbst klarer sieht und eigenständig handeln kann.

6. Vertraulichkeit wird ernst genommen

Besonders bei Coachings im Unternehmenskontext ist dieser Punkt zentral.

Häufig bezahlt das Unternehmen das Coaching. Vielleicht hat eine Geschäftsführung oder HR den Prozess angestoßen. Dann muss vor Beginn eindeutig geklärt sein:

Was bleibt zwischen Coach und Coachee?

Welche Informationen erhält der Auftraggeber?

Wie werden Ziele vereinbart?

Wie erfolgt gegebenenfalls ein Abschlussgespräch?

In meinen Coachings kläre ich diese Punkte sehr sorgfältig zu Beginn. Vertrauen entsteht durch Klarheit.

Der Auftraggeber darf wissen, ob ein Coaching stattfindet und welche übergeordneten Ziele vereinbart wurden. Persönliche Inhalte aus den Sitzungen gehören in den geschützten Raum zwischen Coach und Coachee.

7. Die Chemie muss stimmen

Selbst der fachlich beste Coach passt längst nicht zu jedem Menschen.

Das ist völlig in Ordnung.

Ein Erstgespräch sollte deshalb immer auch eine persönliche Passungsprüfung sein.

Kann ich mit diesem Menschen offen sprechen?

Fühle ich mich ernst genommen?

Traue ich ihm zu, mich herauszufordern?

Kann ich auch widersprechen?

Fühle ich mich respektiert?

Ein guter Coach hält es übrigens aus, wenn man sich anschließend für jemand anderen entscheidet.

Meine persönlichen Go’s bei der Coach-Auswahl

Fundierte Ausbildung, regelmäßige Weiterbildung und Reflexion der eigenen Arbeit.

Erfahrung mit vergleichbaren Zielgruppen und Situationen.

Bietet ausführliches Erstgespräch.

Hört wirklich zu.

Sind Ziele und Rollen sauber geklärt?

Stellt der Coach Fragen, die neue Gedanken auslösen?

Und aufs Bauchgefühl achten:  Professionalität zeigt sich häufig in kleinen Dingen – im Umgang mit Grenzen, in der Sprache, in der Vorbereitung und darin, wie aufmerksam jemand mit dem umgeht, was ihm anvertraut wird.

Meine persönlichen No-Go’s

Große Heilsversprechen machen mich skeptisch.

Ebenso Coaches, die nach kurzer Zeit jede Situation erklären können, Menschen vorschnell typisieren oder für nahezu jedes Problem dieselbe Methode einsetzen.

Auch eine fehlende Rollenklarheit sehe ich kritisch. Coaching, Beratung, Therapie und Mentoring sind unterschiedliche Formate. Ein Profi kennt die Unterschiede und kann damit sauber umgehen.

Besonders sensibel bin ich beim Umgang mit Nähe und persönlichen Grenzen. Meine eigene Erfahrung mit dem ungefragten Händetätscheln hat mir gezeigt, wie entscheidend dieses Thema ist.

Und schließlich würde ich genau hinschauen, wenn ein Coach seinen eigenen Anteil am Prozess kaum reflektiert.

Wer professionell mit Menschen arbeitet, sollte sich selbst sehr gut kennen.

Gute Coaches machen ihre Klienten stärker

Für mich ist das vielleicht der wichtigste Qualitätsmaßstab.

Nach einem guten Coaching sollte ein Mensch mehr Klarheit haben. Er sollte Zusammenhänge besser verstehen, neue Handlungsoptionen sehen und mehr Verantwortung für die eigenen Entscheidungen übernehmen können.

Der Coach wird dadurch mit der Zeit weniger wichtig. Genau darin liegt für mich Professionalität.

Vielleicht ist das auch der Kern dessen, was ich zukünftigen Coaches in meiner Ausbildung vermitteln möchte: Coaching besteht aus weit mehr als Methoden und klugen Fragen.

Es ist ein Handwerk. Und es ist eine Haltung.

Wer Menschen in wichtigen beruflichen und persönlichen Situationen begleitet, übernimmt Verantwortung. Diese Verantwortung verdient Kompetenz, Erfahrung, Respekt und eine gehörige Portion Demut.

Karin Bacher