Der Kolumnist und Autor Axel Hacke machte sich 2024 in einem Beitrag der ZEIT einige launige Gedanken über das Zusammenwirken von Geist und Körper. Anlässlich einer zunächst diagnostizierten Erkältung, die jedoch keine war und ihn im Lauf der Behandlung zur Erkenntnis brachte: Alles hängt mit allem zusammen, die seelische Gesundheit wie auch die körperliche. Denn unser Körper erzählt unsere Lebensgeschichte. Narben erinnern an Verletzungen, Falten an vergangene Jahre, andere Veränderungen an Krankheiten oder besondere Lebensphasen.
Doch nicht alles, was Spuren hinterlässt, können wir von außen sehen. Auch das, was wir seelisch erleben, kann körperliche Prozesse beeinflussen. Allerdings hat nicht jede körperliche Erkrankung eine psychische Ursache. Wir wissen heute, dass Körper und Psyche eng miteinander verbunden sind. Deshalb gehört es zur Gesundheitsvorsorge, nicht nur Blutdruck, Bewegung und Ernährung im Blick zu behalten, sondern auch chronischen seelischen Stress.
Körper und Psyche arbeiten nicht getrennt
Wie eng die verschiedenen Systeme unseres Körpers miteinander kommunizieren, zeigen beispielsweise Hormone. Die Schilddrüsenhormone beeinflussen unter anderem Herzschlag, Stoffwechsel, Darm, Muskeln und Gehirn – und damit auch unser psychisches Befinden. Umgekehrt können Angst, Anspannung oder anhaltender Stress messbare körperliche Reaktionen auslösen. Schon ein gestörter, gereizter oder in seiner Funktion eingeschränkter Vagusnerv, der als Hauptnerv des Parasympathikus fast alle inneren Organe steuert, besondere Beachtung verdient besondere Beachtung, da er eine ganze Reihe diffuser und unterschiedlicher körperlicher Beschwerden auslösen kann.
Der menschliche Körper ist ohnehin kein starres System wie ein Auto, in dem verschiedene Geräte zur Fortbewegung zusammenwirken. Permanent wird „upgedatet“, werden Zellen und Moleküle erneuert, Stoffe ausgetauscht und Regelkreise angepasst. 98 Prozent der Atome im Körper werden jedes Jahr ersetzt, kaum ein einziges Atom harrt im Körper von der Geburt bis zum Tod aus. Unser Organismus reagiert fortwährend auf seine Umwelt – und ebenso auf das, was wir erleben, sei es Freude oder Stress.
Wenn seelischer Stress körperlich wird
Unter Stress werden unter anderem Botenstoffe wie Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet. Hält dieser Zustand lange an, können Schlaf, Blutdruck, Stoffwechsel und andere Körperfunktionen beeinflusst werden. Auch das Immunsystem steht in enger Wechselwirkung mit Stressreaktionen. Besonders komplex ist der Zusammenhang bei Autoimmunerkrankungen. Dabei richtet sich das Immunsystem irrtümlich gegen körpereigenes Gewebe, wie es beim Autor Hacke der Fall gewesen sein soll.
Die Ursachen sind vielfältig und umfassen unter anderem genetische und immunologische Faktoren. Psychischer Stress gilt nicht als alleinige Ursache. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass starke oder langanhaltende Belastungen bei manchen Erkrankungen deren Verlauf oder Aktivität beeinflussen können. Der wichtige Gedanke dahinter ist allgemeiner: Seelische Vorgänge haben auch eine körperliche Seite. Wer dauerhaft unter Druck steht, trägt diesen Stress nicht nur „im Kopf“.
Seelische Entlastung gehört zur Vorsorge
Wir investieren viel in unsere körperliche Gesundheit: Wir achten auf Ernährung, treiben Sport, gehen zur Vorsorge und gönnen uns vielleicht ein Wellness-Wochenende. Ebenso selbstverständlich sollten wir uns fragen, was uns psychisch dauerhaft belastet. Das bedeutet nicht, jedem Stress aus dem Weg zu gehen. Das wäre weder möglich noch sinnvoll. Entscheidend ist ein gesunder Wechsel zwischen Anspannung und Erholung.
Regelmäßige Bewegung, ausreichend Schlaf, Pausen, soziale Kontakte und Zeiten ohne permanente Erreichbarkeit sind ebenso wichtig wie, Konflikte nicht endlos mit sich herumzutragen und die eigenen Grenzen wahrzunehmen. Gesundheit bedeutet deshalb mehr, als einen möglichst fitten Körper zu haben. Wir sollten mit unserer Psyche genauso sorgsam umgehen wie mit unserem Körper – denn beides lässt sich nun mal nicht voneinander trennen.